Die unergründlichen Wege eines Stammgastes

Zu meiner Zeit als DJ im montäglichen Münchner Nachtleben hatte ich einen Stammgast, der jeden Montag ins Valentinstüberl tingelte. Er war ein etwas verkniffener Typ, Lennon’sche Nickelbrille, schütteres Haar mittellang getragen, hellgrauer Trenchcoat und Alukoffer als Accessoires. Irgendwann stand er montags immer an der Bar, mir gegenüber, trank sein Pils, unterhielt sich mit niemandem und schaute dann und wann auf die Videos, die ich an die Wand warf; Mario Speedruns oder Bob Ross, je nach Laune und Musikart. Nach einigen Wochen nickte er mir jedes Mal freundlich zu, sobald ich Blickkontakt mit ihm aufnahm – was angesichts seiner Platzwahl recht häufig war. Eines Tages kam er zu mir hoch, stellte sich kurz vor und beglückwünschte mich zu meiner “stets herausragenden Musikauswahl”; sie sei wesentlich durchdachter und reifer (sic!) als die anderer DJs. Nunja, ich hatte zwar schon damals ein Faible für etwas obskurere Musik, spielte aber auch gerne und häufig den sog. Indie-Mainstream. Ab da kam er jede Woche auf einen Schwatz zu mir, stieß mit mir an und verließ danach meist die Örtlichkeit.

An einem Abend, an dem ich zugegebenermaßen etwas beschwipst war, hatte er ein Geschenk für mich dabei, eine CD. Dazu erzählte er mir von seiner Arbeit, er sei nämlich Produzent und habe in den 70ern wichtige Bands betreut. Leider war ich nicht geistesgegenwärtig genug, da nachzuhaken, was mich heute noch ärgert. Nachdem er mich nochmals gelobt hatte, dass mit Vinyl aufzulegen die richtige Wahl sei – was er mir anhand zahlreicher technischen Details erläuterte – musste ich mich wieder der Musik zuwenden, immerhin war die aufgelegte Platte bereits komplett durchgelaufen. Als ich mich wieder zu ihm umdrehte, war er weg.

Da ich zu der Zeit recht eingespannt war, lies ich die CD erstmal ruhen und dadurch verschwand sie mit der Zeit hinter einem Stapel anderer Aufnahmen in meinem kleinen WG-Zimmer. Demletzt zog ich sie zufällig wieder hervor und legte sie ein. Und siehe da, er hatte mir Niemen (sprich Njemen) mitgebracht, eine der wichtigsten polnischen Bands des 20. Jahrhunderts, mit Czesław Niemen als Kopf des Vierlings; seine drei Bandmitglieder gelten in manchen Kreisen als die besten Musiker, die Polen hervorgebracht hat. Ich hatte mit der 1972 erschienenen “Strange Is This World” eine der erklärten Vorzeigeplatten geschenkt bekommen, Niemens psychedelische Phase um 1970 herum gilt als die kreativste. Es ist psychedelischer Blues in seiner Reinform, teils trostlos depressiv, teils überkochend energetisch und expressiv, auf alle Fälle aufmerksamkeitsfordernd und nicht gerade zugänglich.

Dies weist ihn als Kind seiner Zeit aus, aber ebenso sicherlich der exzessive Einsatz der Hammondorgel oder auch seine Stimme, ein rohes Organ zwischen Gesand und Schrei, wie es im Soul bspw. James Brown ebenfalls besaß. Zeitlos mir dagegen das variantenreiche Schlagzeugspiel und die verqueren Einschübe von Blech- und Holzbläsern, die man so auch jederzeit von aktuelleren Bands wie Animal Collective, Gonjasufi und Konsorten erwarten kann. Die Nachfolgeplatte “Ode To Niemen” driftete dann bereits in diese Art von großkotzigem Balladenrock ab, die ich noch nie mochte.

Um mehr herauszufinden, studierte ich das fotokopierte Inlay der CD-Hülle, ein paar Pressestatements waren dort abgedruckt, unter anderem von einem Martin Clarke:

Niemen is Polish, although he was born and raised in Belorussia. That much I knew when I first met him. [...] The standard of musicianship in the band is frighteningly high, with every member of the band contributing equally to the overall sound. It is always difficult to record a band which has so much spontaneous freedom endemic in it’s music. I think we have succeeded.

Natürlich suchte ich sofort nach Martin Clarke, der offenbar der Produzent, zumindest aber ein Studiotechniker von Niemen gewesen sein musste; ich fand auch einen in Schottland, ein “sound artist. His work makes extensive use of environmental sound”, was ja passen würde. Doch was kam als Antwort auf meine hocherfreute Anfrage?

Thanks for getting in touch. I’m afraid I’d never heard of Niemen before this morning. He sounds pretty cool though, thanks for alerting me :)

Schade! Ob der Herr, der mir die CD schenkte, mit Niemen beruflich zu tun gehabt hatte? Ob er Martin Clarke war? Ich werde es nicht herausfinden, ich sah ihn nie wieder.


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