30. November 2009
von Thomas Liesch
Register: Festival, Rückblick, on3radio | | Kommentieren?

Rückblick I: on3 Festival – Pete Doherty

Nachdem das Thema ja nun sogar bei Süddeutsche und Spiegel online angekommen ist, ein paar Gedanken zur Sache Doherty auf dem on3 festival; vorweg aber: Es ist wirklich schade, dass die Diskussion darüber die musikalische Qualität des Festivals nun so überlagert. Allerdings befördert mein Posting hier dies auch noch, ich bitte dies zu entschuldigen.

Update: Es gibt eine Reaktion von Doherty, ich hab sie unten angefügt, damit es inhaltlich sinnig bleibt.

Ich denke, dass in der Reaktion des Publikums sich mehrere Ebenen und Frustelemente überlagern. 1. Das Deutschlandlied 2. Die Verzögerung vom Kettcarauftritt 3. Die musikalische Qualität des Auftritts 4. Dohertys Boulevardpräsenz. Des Weiteren gibt es bestimmte Prämissen zu Doherty, die man nicht vergessen sollte.

1. Deutschlandlied: Über die Motivation Dohertys, die 1. Strophe zu singen kann man nur spekulieren – Reine Provokation & Skandalheischerei vermuten die meisten kommentierenden Stimmen. Andere vermuten, dass die Reaktion des Publikums quasi selbstentlarvend war: “dumpfe Spießigkeit” sind da noch die harmloseren Worte. Übrigens ist es nicht illegal die Strophe zu singen, man sollte sich nur die Wirkung auf die Zuhörer überlegen. Ein Großteil der Pfiffe und vor allem der Abbruch gehen wohl auf diese Kiste zurück.

2. Kettcar: Einige Zuschauer, die zu diesem Zeitpunkt Kettcar sehen wollten, riefen lauthals “Kettcar” mitten in die Songs. Der Wunsch mag zum Einen verständlich sein, gerade wenn man mit Doherty nicht so viel anfangen kann. Allerdings könnte man dennoch Respekt gegenüber einem trotz allem guten Musiker zeigen. Von meinem persönlichen Eindruck her, waren diese Leute weniger über die Causa Deutschlandlied “pissed” denn allein über die Verzögerung des Kettcarauftritts. Stützen lässt sich diese These dadurch, dass Doherty die 1. Strophe erst anstimmte, als das Publikum nicht aufhörte, ihn mit Pfiffen zu bedenken und lauthals Kettcar zu fordern. Allerdings ist das Spekulation.

3. Qualität & Boulevard: Ich denke, dass einige auch einfach die Schnauze voll von Doherty an sich haben, seinen Eskapaden, seiner medialen Omnipräsenz und dass er den Auftritt “leicht” unter Drogen absolvierte und nicht unbedingt Wert auf Etikette oder präzises Spiel legte. Allerdings ist das auch einfach Dohertys Stil, sowohl in der Attitüde als auch in der musikalischen Ausführung.

Prämissen: Ich persönlich würde Doherty von seiner Lyrik und den Äußerungen in Interviews nicht gerade als politisch oder historisch rechtsorientierten Menschen einschätzen, “Arbeit macht frei” war damals nicht gerade ein nazifreundlicher Song. Zudem soll Kunst provozieren, sie soll Gegenreaktionen herausfordern, um gewisse Selbstverständlichkeiten (die absolut auch ihre Berechtigung haben, versteht mich da nicht falsch!) auch mal wieder zu hinterfragen und damit auch wieder zu festigen.

Fazit: Mehrere Faktoren, die den Auftritt eher zu einem unglücklichen gemacht haben. Leider ist das Ganze auch zutiefst ironisch, gerade angesichts der ursprünglichen Bedeutung der 1. Strophe. Schwierig das.

Update: Gemäß NME soll der Sprecher von Doherty sich zu Wort gemeldet und folgendes verzapft haben: “[He] wanted to celebrate his appearance in Munich by assimilating and integrating with the crowd, something he tries do wherever he goes.” Das kann doch nur ironisch gemeint sein, so genervt, wie er von den Störern war… Der musste das wissen, egal, ob der Sprecher weiter sagt: “He was unaware of the controversy surrounding the German national anthem and he deeply apologises if he has caused any offense.” Interessant im Weiteren: Doherty is jüdischer Abstammung, somit sollte sich jede rechtsgerichtete Spekulation endgültig in Luft auflösen, so wie ich es vermutet habe.

_____________________________________
Über das Deutschlandlied und die ursprüngliche Idee von “über alles” sowie deren widerlichen Missbrauch im Dritten Reich gibt, wie ich finde, der Wikipediaartikel recht gut Auskunft. Artikel, die sich mit dem Auftritt beschäftigen gibt es zum Beispiel bei mucbook , Ernst Wilhelm, Münchenblogger oder bei der Süddeutschen. Wirklich aufschlussreich ist auch das Statement der BR-Leute, insbesondere die Diskussion in den Kommentaren.

Eindrücke vom Auftritt gibt es zahlreich, inzwischen gibt es auch den Teil mit der Strophe online.
Ursprüngliches Foto: Kate Boydell (by-nc-Lizenz)

Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, abonniere doch den Feed (RSS oder Atom), um keinen der zukünftigen Beiträge zu verpassen.(Hinweis für immer und ewig schließen)




  • jojoclub am 6. 12. 2009

  • Thomas Liesch am 6. 12. 2009

    Irgendwo auf Jutuhbe gibt’s das aber leider nicht, oder? Wie hat sie’s denn gesungen damals? :)


  • daddycool am 5. 01. 2010

    Ich kann ihn einfach nicht leiden. Es ist doch immer das gleiche bei seinen Auftrittem – sofern er überhaupt auf der Bühne steht und nicht vollkommen zugedröhnt irgendein Hotelzimmer verwüstet. Dieser Typ sollte damit gar keine Kohle verdienen dürfen. Live ist das eine Zumutung!


  • Thomas Liesch am 5. 01. 2010

    Hehe, immerhin gibt’s ja Leute, die ihn auch genau dafür mögen, so wie Leute auch die Bunte kaufen (was mir persönlich völlig schleierhaft ist) :]


  • daddycool am 5. 01. 2010

    Ja, wahrscheinlich ist das eh so…werden sicher ein paar nur deshalb zum Konzert gehen, weil sie sensationsgeil sind und sehen wollen, ob er diesmal von der bühne fällt.


  • Thomas Liesch am 5. 01. 2010

    Fandest du eigentlich Libertines damals dann gut?


  • Mike am 8. 01. 2010

    Ich persönlich fand die Libertines und Pete Doherty maximal Durchschnitt und find’s ab einem gewissen Zeitpunkt nur noch peinlich, wie die Aufmerksamkeit erregt wird. Ich wurde mal zu einem Konzert eingeladen und ging schon fast davon aus, dass es ausfällt. Leider wurde ich enttäuscht ;)



  • Einen Kommentar dazu abgeben?