von Thomas Liesch
Register: Issue 03, München, V, Wer ist denn?, mp3 |
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Wer ist denn … Candelilla?

Wer den aktuellen Music Alliance Pact gelesen hat, weiß Bescheid: Candelilla sind mein Ding. Das Debüt reasonreasonreasonreason liegt mir nun bereits zwei Wochen vor, ich hatte somit einige Zeit, mich in den Sound einzuhören.
Doch nun zum Wichtigsten – zur Musik. Offenbar fällt es vielen Musikkritikern nicht ganz leicht, Candelillas Musik einzuordnen; dies kann man an den mannigfaltigen Bezeichnungen ablesen, die der Musik des Münchener Vierers gegeben werden: Von “Trash-Pop”, “Grunge-Punk”, “Motz-Kunst-Rock” über “Indie-Rock” bis zu “Riot-Grrrl-Punk” ist da die Rede. Sicher ist, dass die Vier gerne verschiedene Musikstile inkorporieren. Zwei Referenzbands stehen jedoch immer im Raum, wenn es um Candelillas Stil geht: Dresden Dolls und Sonic Youth. Wenden wir uns also zunächst der technischeren Seite der Musik zu, um danach die transportierten Stimmungen zu thematisieren.
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In der Münchener Szene wurden Candelilla in den letzten Jahren immer wieder ausgezeichnet: Beste junge Band der Stadt, beste VÖ der Stadt – doch selbst die vier Mädels finden, dass sie erst jetzt die Musik machen, für die sie diese Vorschusslorbeeren kassiert haben. Augenfällig wird die Entwicklung der Band unter anderem an diversen Umbesetzungen: So spielt Sandra Hipold das Schlagzeug mit einem anderen Anspruch als die ersetzte Dominique de Marné, die eher ein Akzentuieren des Gitarrenlärms (sanfte Drums, viel Becken) favorisierte. Hipold ist das Metronom der Band, das die anderen Instrumente vor sich hertreibt und ihren Einsatz quasi ankündigt. Sehr schön kann man das an der Single #13, aber auch #19 hören. Nichtsdestotrotz sind die zuerst geschriebenen Songs des Albums (dessen Nummern eben dieses chronologisches Schaffungsdatum indizieren) wie #1 und #4 eher dem “alten” Schema verpflichtet, aber mit deutlich stärkerer Prägnanz im Spiel als de Marné.
Dresden Dolls als Referenz sind insofern keine schlechte Wahl, da zum Einen der charakteristische, teils von der Stimmlage sehr ähnliche Gesang von Lina, Rita und Mira (#1) an Amanda Palmer erinnert. Dazu kommt zum Anderen selbstverständlich auch das Spiel von Rita, die sich inzwischen nur noch am Klavier verdingt. Dort hält sie sich in manchen Songs vornehm zurück, um dafür anderen Songs ganz klar ihren Stempel aufzudrücken; manchmal in vorderster Front als Rhythmus- und Melodiegeber (#17, #1, #18), dann wieder als Akzentuierer wie in #14.
Über die Jahre ebenfalls deutlich an Ausdruckskraft zugelegt hat der Bass von Mira Mann. Auch hier sollte #13 als eine gute Referenz dienen, #15 zeigt es aber wohl am deutlichsten – genau so mag ich das! Wer eine andere, an The Clash angelehnte Variante hören will, könnte sich #1 zuwenden, der im Hintergrund das Fundament legt, um dann in der Mitte des Songs wie eine Gitarre gespielt im Vordergrund zu wirken. Und wie ihr sicher langsam wisst, ist für mich ein gut gespielter Bass mehr wert als jedes andere Instrument in einer Band.
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Let’s Build A Dangerous Minded Society (2005)
Die zweite, gernzitierte Referenzband Sonic Youth hört man zum Einen in der generellen Experimentierfreudigkeit, was beispielsweise rauchige Sounds angeht, zum Anderen aber auch im Facettenreichtum der Gitarre: Die kurz angeschlagene, stark verzerrte Gitarre, die einem Song wie #16 in dessen zweiter Hälfte Highlights verpasst, dann aber in #17 schamlos im Postrock wildert, um in #14 oder auch #18 wunderbar sanft die Textzeilen zu untermalen. Dazu kommt noch der Mut zu Stilwechseln innerhalb eines Songs: #11 beginnt als herzhafter Indierock mit ordentlich Gitarrenriffs hochgeregelten Bassriffs, geht dann nach einem Klavierintermezzo jedoch über in Postrock – um dann den Indierock nochmals aufzunehmen und erneut im Postrock ausklingen zu lassen.
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Als Verdikt könnte #17 dienen – Der Song hat deutsche wie englische Lyrik mit dem Thema vom Kampf gegen gezogene Grenzen, die zwischen Wut und augenzwinkerndem Dadaismus schwankt, wie in so vielen Songs von Candelilla. Zum anderen gibt allen vier Instrumenten genau den Raum, den sie vollständig ausfüllen können, ohne andere in den Hintergrund zu drängen (was vielleicht die heimliche Stärke der Band ist): Das Klavier setzt die melodische Grundlinie fast schon wie normalerweise der Bass, das Schlagzeug treibt den Song rhythmussicher und druckvoll an, die Gitarre schrubbt rauschig verzerrt wunderbar vor sich hin, um sich stellenweise geradezu melancholisch der Antiklimax hinzugeben, der Bass setzt die tiefen Akzente.
So viel zum musikalischen Anspruch der Damen. Stilsicherheit durch Stileklektik könnte das Motto sein.
Dieses aufgebaute musikalische Gerüst hat jedoch auch einen Zweck – es soll Stimmungen transportieren. Und in dieser Stimmung kommt nun der Grunge zu seinen Ehren. Denn viele Songs haben insbesondere in den Songtexten eine mehr oder minder unterschwellige Aggression. Doch während in früheren Songs das eher noch offen thematisiert, quasi der Teenage Angst gehuldigt wurde, wird dies nun in Wortspielen, metaphorischen Oxymora, zum Teil auch ironisch verpackt und muss erst entschlüsselt werden. Eine gewisse Reife gegenüber den thematisierten Problemen quasi, die man jedoch nicht mit Distanz oder Leidenschaftslosigkeit verwechseln sollte. Denn leidenschaftslos, distanziert oder simpel sind Candelilla sicher nicht.
Was für ein Aushängeschild für München.
Tracklist: 11, 13, 17, 4, 14, 1, 10, 18, 15, 19, 16, 12

Dass Candelilla die Dinge gerne insgesamt richtig anpacken, kann man an einigen Dingen sehen, die über die Songs hinausgehen. Zur Aufnahme des Debüts verabschiedeten sie sich gleich ganz in die Abgeschiedenheit einer Mühle bei Fürstenfeldbruck, für potentielle Konzertveranstalter gibt es einen genauen, technischen Bühnenplan zum Download (pdf), EP wie Album sind liebevoll von Hand gestaltet und gesiebdruckt, Pressematerial von einer handgeschriebenen Nachricht begleitet. Und nicht zuletzt hieß die EP von 2004 “Our Start To Stay”.

Mitglieder: Lina Seybold, Rita Argauer, Mira Mann, Sandra Hipold
Album: Candelilla EP (2007), …Don’t Rely On What Others Say EP (2008), reasonreasonreasonreason (2009)
Label: Red Can Records
Downloads:#13, Neun (2008), Happy Fucking Valentines Day (2005), Let’s Build A Dangerous Minded Society (2005)
Links: Myspace, Homepage
Stephie am 27. 11. 2009Danke für die Karten!!! Die Candelilla-Mädels haben sich ordentlich ins Zeug gelegt :-)
Und: es macht doch immer wieder Spaß anzusehen, wie 089 Bar- auf Rote Sonne Besucher treffen.
Thomas Liesch am 27. 11. 2009Kein Thema, bedank dich bei den Damen :)
Wie wars denn? Tanzbar, eher experimentell, zum Rumstehen, Mitwippen etc?
Und wie waren Jolly Goods? Die find ich auch nicht ganz verkehrt ;)
tivno am 7. 12. 2009dann bin ich mal gespannt auf den neuen silberling.




