von Thomas Liesch
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Städtereise nach … Paris

Je länger man sich mit bestimmten Städten beschäftigt, desto deutlicher wird es, dass sich in musikalisch aktiven Städten immer ein mehr oder minder loser Kern an Künstlern zusammenfindet, der den Laden quasi am Laufen hält: Das war bei Toronto so, das ist bei Bordeaux so und ist auch in Paris nicht anders.
Sich jedoch anzumaßen, man würde diesen einen Kern durchschauen oder gar alle Epizentren identifizieren, ist natürlich nicht gerade klug. Somit sei gesagt, dass auch diese Auswahl an Bands nur einen kleinen Einblick in die Pariser Musikszene bietet.

Tahiti Boy & The Palmtree Family fühlt sich ein wenig wie Frankreichs Antwort auf Animal Collective an. Die Palmtree Family ist ebenso ein Künstlerkollektiv, das sich aus Mitgliedern von Poney Poney und Syd Matters sowie natürlich dem Tahiti Boy zusammensetzt.
Zwangsläufig muss man erwähnen, dass David Sztanke alias Tahiti Boy eine Zeitlang in New York gelebt und gearbeitet hat, dort in Kontakt mit Tunde Adebimpe von TV on the Radio gekommen ist und ihn schließlich auch dazu bewegen konnte, auf dem Debüt “Good Children Go To Heaven” mitzuwirken und bei “That Song” mitzusingen. Und nebenbei gesagt, für mich ist es der beste Song, was ich jedoch nicht nur auf Tundes irrsinnig gute Stimme zurückführen will und kann.
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Tahiti Boy & The Palmtree Family & Tunde Adebimpe – That Song
Oftmals liest man, dass gerade durch diese Verbindung zu Brooklyn – so auch der Name des 11. Songs – die französische Romantik auf den New Yorker Realismus trifft. Und das ist ganz nicht mal so daneben! Aber es verkennt die weiteren Einflüsse, die man jederzeit heraushören kann: Jazz, Folk, Weirdo, Indie und mehr. So hört man immer wieder eine Flöte, das Klavier spielt manchmal zweistimmig, das Schlagzeug arbeitet mit dem Besen. Dann wieder klingt das Ganze verdammt nach Dr. Dog, bei “Sparkles” scheint der ganze Song abzuschmieren und zu leiern wie eine alte Kassette. Dann kommt wieder ein mexikanisches Banjo zum Einsatz (“Time”), später sind wir fast schon im guten alten Surf angelangt (“When I Miss You”).
Allerdings muss man all diesen Einflüssen zugestehen, dass ihnen manchmal etwas die Linie fehlt. Das garantiert zwar immer wieder Abwechslung, doch liegt die Skip-Taste gerade gegen Ende des Albums öfter nahe, als ich das will. Somit durchweg unterhaltsam, eigenwillig bis starrsinnig und manchmal etwas anstregend. Einen Vorgeschmack über die angekündigt Dokumentation der US-Tour, “Palm Belt”, kann man sich übrigens hier abholen.
Mitglieder: David Sztanke (Tahiti Boy), Antoine Hilaire, Jonathan Morali, Didier Perrin und mehr
Alben: Good Children Go To Heaven (2009), 1973 EP (2008)
Label: 3rd Side Records
Links: Plattenreview, Konzertreview, Albumstream
Verbundene Bands: Poney Poney, Syd Matters, TV On The Radio

(Please) Don’t Blame Mexico scheinen nordische Gene in sich zu tragen. Dieses raue und sehr leidenschaftliche Klavier erinnert mich sofort an diverse Bands aus Norwegen, allen voran natürlich Le Kaizer. Man nehme eine getragene, aber eingängige Melodie, verpasse ihr ein wenig Koffein, eine Triangel, eine Harmonika und wunderbaren Gesang und man hat den Vierer aus Paris noch nicht mal im Ansatz beschrieben. Denn dann fehlt immer noch das furztrockene Schlagzeug, das Schifferklavier, die Kirchenorgel und der mehrstimmige Gesang. Diese Musik hat wirklich viel Charme, man vermisst zu keiner Zeit einen hochgezüchteten Sound – wahrscheinlich würde er nur stören und die Stimmung verderben.
Dass die vier Jungs wirklich vielseitig sind beweisen sie beispielsweise auch mit dem gelungenen Pavement-Cover “In The Mouth A Desert”: Es nimmt die wesentlichen Elemente des Songs und seine Grundstimmung auf und reduziert sie auf das Wesentliche, vermengt sie aber mit eigenen Ideen und Sounds (Orgel!), die dem Stück deutlich mehr Tiefe geben. Am Ende steht ein wirklich, wirklich gutes Cover (auf myspace anhören) von einem der bekanntesten Pavement-Songs – das muss man erstmal schaffen.
Ich kann als zusätzliche Lektüre nur wirklich das Interview mit Maxime Chamoux ans Herz legen. Es gewährt tiefe Einblicke in den Charakter der Band und der Songs.
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(Please) Don’t Blame Mexico – The Behinders
Mitglieder: Maxime Chamoux, Laurent Blot, Thomas Pirot, Raphaël ‘Rafioul’ Ankierman
Alben: Carolina Now! EP (2009), Michel Foucault EP (2007), First Aid EP (2006)
Label: Sauvage Records
Downloads: The Behinders, Michel Foucault Saved My Life, Baby Undertow
Links: Einführung und Konzertreview
Verbundene Bands: Toy Fight, Mina Tindle

Toy Fight “Peplum” ist ein wirklich seltsames Album. Es kann recht hektisch rüberkommen und scheint sehr kreative Macher zu haben, so viele Ideen wie dahinter stecken. Bisweilen denkt man, man höre gerade die französischen Go!Team. Doch dann hat es auch wieder seine ruhigen Seiten, die nicht minder kreativ sind und teils an Antônio Carlos Jobim und ähnliche südamerikanische Künstler erinnern. Und das kursierende Gerücht, dass ein paar Songs mit Spielzeuginstrumenten aufgenommen worden sind, stimmt; so hat’s mir eine Insiderin gesteckt: “Letztens haben sie mit einem Spielzeuginstrument aus ‘nem Tennisschläger zusammen mit Phoenix ein Geheimkonzert gegeben”. Toy Fight eben!
Der wohl schwierigste Prozess ist, dass man dem Album Zeit gibt. Nur zu gerne denkt man sich manchmal, dass man doch lieber was Eingängigeres hören würde. Auch die Vielzahl der Instrumente (Klavier, Orgel, Banjo, Harmonika, Bass, Gitarre, Schlagzeug, Nokiahandy und mehr) macht einem den Zugang nicht einfach. Doch Geduld wird belohnt, belohnt mit Tiefe und immer wieder neuen Momenten, wo man sich denkt, dass das grad eben doch die beste Stelle des Albums war. Die dritte des Durchgangs und insgesamt wahrscheinlich die zehnte.
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Interessanterweise ist ja Toy Fight die älteste der Bands um Sebastien Broca und Maxime Chamoux – hier im Interview – aber sie klingen am jüngsten. Das Attribut “verspielt” verbindet man eben sofort mit Jugend. Wie falsch man liegen kann! Denn diese Band gäbe es eigentlich schon fast nicht mehr, wenn nicht City Slang sich ihrer angenommen hätte und sie quasi wieder und wieder überredet hätten, ein Album aufzunehmen. Danach eine ausgiebige Tour, Platte-des-Monats und fertig ist das Stehaufmännchen. Und eine Band, die es fast nicht mehr gegeben hätte. Dafür verzeih ich euch auch das “Death To The DJ” aus dem Song “Bob II”.
Mitglieder: Sebastien Broca, Maxime Chamoux, David Simonetta, Bertrand Faurebrac, Jean ‘Jaune’ Thévenin, Pauline DeLassus
Alben: Peplum (2009), High Noon EP (2009)
Label: City Slang
Downloads: High Noon
Links: Plattenreview, Konzertreview

Wer noch weitere Bands um diese Gruppierung sucht, wird in Mina Tindle fündig, deren Sängerin Pauline DeLassus auch bei The Nationals “Boxer” mit von der Party war. Ganz in der Tradition der starken, aber dennoch sanften Frauenstimmen der letzten Jahre wie Au Revoir Simone oder CocoRosie. Leider gibt es bis jetzt nur eine Single, “The Kingdom”. Wer ein transatlantisches Projekt sucht, wird in The Limes fündig, das die Truppe aus Paris mit dem US-Songwriter Henry Sparrow aufgezogen hat. Ähnlich wie The Postal Service arbeiten sie per (E-)Post, schicken Material hin und her und überarbeiten es mehrmals unabhängig voneinander. Drei Songs gibt es hier zum Download.
Hey Hey My My sind ebenfalls wie Kid Bombardos auf Sober & Gentle unter Vertrag. Ihre Musik ist nicht ganz so hibbelig wie beispielsweise Toy Fight, das Ganze wirkt erwachsener, ohne dabei an Schönheit einzubüßen. Vielmehr leben die Songs von zurückgenommenen Strukturen, die wunderbar leicht wirken und vom prägnanten Gesang geprägt sind. Einen Song wie “Poison” kann man schnell als seicht abtun, man liegt jedoch genau so schnell falsch. Gerade der kleine Folk-Einschlag bringt eine melancholische Note mit, die von Seichtsein weit entfernt ist.
Der wohl beste Song ist “Too Much Space”. Er pendelt von verhältnismäßig schnellem Akustiksong in den Strophen zum folkigen Refrain mit Mundharmonika. Dazu ein schicker Text, erneut mit der wirklich passenden Stimme und fertig ist ein Sonntagabend-Song, um die Woche bei einem Gläschen Wein am Fenster sitzend ausklingen zu lassen.
Mitglieder: Julien Garnier, Julien Gaulier
Alben: Hey Hey My My (2007), A True Story (2008)
Label: Sober & Gentle




