
Das Theatron-Festival ist immer eine Bank. Eine wunderschöne Bühne direkt am Olympiasee, stets interessante Bands im Programm und oft gutes Wetter mit vollen Sitzplätzen. Auch bei den Musikern scheint sich herumzusprechen, dass man eine ganz eigene Atmosphäre erleben kann, da man durch die ansteigenden Sitzreihen in alle Gesichter schauen kann. Die Folge: Viele Bands kommen für Kost und Logis, also im Endeffekt für lau vorbei. Aus der ganzen Masse an Bands will ich vier herausgreifen:

Micachu & The Shapes
Vom Programmchef in aller Kürze mit einem Europaticket der Bahn aus Düdingen in der Schweiz geholt, verzauberte der Dreier aus London mit seinem trashy Charme das nachmittägliche Publikum. Sängerin und Namensgeberin Mica Levi – studierte Geigerin, Bratscherin sowie Komponistin – spielte eine sehr heruntergekommene Mini-Akustikgitarre mit Kordel um den Hals; aber wie sie das tat! Leicht schlurfend und plänkelnd gab sie mit einfachsten Melodien und Riffs den Songs ihre leicht irre Prägung, sang dazu mit einer derart rotzigen Attitüde, dass man in ihr stellenweise Jamie T. hörte; im Ernst, der Londoner Dialekt, der leicht genuschelte Satzbau, genial! Man kann aber auch letzte Rest des sterbenden Grime raushören.
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Keine leichte Aufgabe hatte Marc Pell am Schlagzeug, denn die Rhythmen sind teilweise superkomplex, synkopisch, nahezu arhythmisch bis bluenotesque. Auf alle Fälle nicht einfach für das Publikum immer richtig mitzuwippen. Das Synthiekeyboard von Raisa Khan setzte mit dumpfen Bässen harte Fundamente und zugleich mit Computersounds Akzente, ohne sich dabei in den Vordergrund zu stellen; jedoch bin ich der festen Überzeugung, dass nur das Zusammenspiel der drei Instrumente diesen Sound kreieren – eine Binsenweisheit.
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Am Ende steht da ein wirklich irrer Sound, den ich jedem, der an avantgardistischen Bands interessiert ist, nur ans Herz legen kann! Für mich die Entdeckung des Theatron. Und wie passend zum aktuellen Thema des Lo-Fi! Ich bin ein wenig untröstlich, dass die Band kein Merch dabei hatte…

Bell Orchestre
Es ist ein unfairer Vergleich. Aber wenn der Sound ähnlich klingt und drei Mitglieder der Referenzband mitspielen, muss der Vergleich erlaubt sein: Die seit 2005 bestehende Band Bell Orchestre erinnert mich in Teilen frappierend an Arcade Fire. Mit Richard Parry am unfassbar guten Kontrabass und Sarah Neufeld an der Geige sind zwei Mitglieder der Standardformation von Arcade Fire auch bei Bell Orchestre dabei, mit dem Tour-Hornisten Pietro Amato dann sogar drei.
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Doch zum Sound und zum wohl gravierendsten Unterschied der beiden Bands. Bell Orchestre verzichtete weitestgehend auf Gesang, einzig im Hintergrund waren immer sehr sphärische Ahh und Ohhs zu vernehmen, auch ein Badadada schlich sich dann und wann ein. Die Band setzt jedoch auf ihre Instrumente; und mit Kontrabass, Geige, Trompete, Horn, Sitzgitarre und Schlagzeug ist man nicht gerade alltäglich besetzt. Das schlägt sich auch in den Songs nieder, die insbesondere durch Parrys fantastischen Zupfbass ein wunderbares Gerüst bekommt, bei dem das Schlagzeug sich viel mit soften Sticks auf den Becken vergnügen darf, statt wie üblich den Rhythmus vorgeben zu müssen. Die Songs changierten zwischen Ruhe und Sturm, zwischen sanft und bombast. Zum Teil wurde man geradezu hineingezogen in den recht klassischen Aufbau, der mit immer wiederkehrenden Motiven langsam seine Spannung aufbaute, die erstaunlich oft in einem schweißtreibenden Finale endeten.
Und dass die Band weiß, wie man so ein Klangbild live mitreißend rüberbringt, wurde deutlich, als Trompete und Horn sich barfuß auf ins Publikum machten und später sich ein Jungspund zum Breakdance vor der Bühne hinreißen ließ, der von der Band begeistert kommentiert wurde. Überhaupt strahlte die Band Sympathie aus: Als vor der Zugabe ein Altmetaler mit Knastausstrahlung die Bühne erkletterte und sich am Minikeyboard mit diebischer Freude vergnügte, stand Parry nur grinsend daneben und harrte der Dinge.
Bell Orchestre war somit ein würdiger Schlussakt für den Sonntagabend, der dem frierenden Publikum noch einmal richtig eingeheizt hat – was man ob der Instrumente und der Songs nicht unbedingt vermuten würde. Mehr Songs gibt es übrigens hier zum Download.

Bell Orchestre in ganzer Pracht. Man beachte die Sitzgitarre.

Sarah Neufeld und Pietro Armato links, Kaveh Nabatian lugt durch den Nebel.

Der sehr sympathische Richard Parry am Kontrabass.

Parrys Schnecke.

Me Succeeds
Leider kam ich zu Me Succeeds zu spät, sodass ich nur die letzten vier Songs mitbekommen habe. Aber die hatten es in sich, zunächst vermutete ich ein deutsches Au Revoir Simone, bekam aber noch beim ersten Song einen vor den Latz, indem harter Clubbass plötzlich durch das Halbrund erschallte. Und genau dieses Wechselspiel aus sanftem Indie bei Gesang & Gitarre und tanzbarem Synthiebass scheint diesen Dreier auszumachen.
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Me Succeeds – The Glimmer On Your Eyeleash You Took Away
Und dass die Band sich zwischen den Songs dafür entschuldigte, zu viel zu reden, war nicht nötig, aber sehr sympathisch. Mehr mp3s gibt’s hier.
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Miyagi
Endlich hab ich Miyagi auch mal live gesehen – sie wurden mir bereits einige Male ans Herz gelegt, nie hab ich’s geschafft. Denn Miyagi – nicht zu verwechseln mit Fujiya & Miyagi, die sich ebenfalls nach dem Karate-Kid benannt haben – vereinen zwei Dinge miteinander, die in den letzten Jahren nicht mehr so aktuell waren. Da ist zum Einen der Surf, der durch die Gitarre den Songs einen lockeren, sommerlichen Touch gibt. Und zum Anderen ist da Stefan Matysicks Gesang, der meine Sitznachbarn und mich sehr an Robert Smith von The Cure erinnerte. Sehr, sehr 80s! Auch Alan Donohoe von The Rakes lugte um die Ecke, nicht nur von der Stimme her, sondern auch durch den Tanzstil Matysicks, der ebenfalls – mangels Instrument – beide Hände frei hat und dies auch ausnutzt.
Zusammen mit dem treibenden E-Bass (ihr wisst ja, wie sehr ich auf präsente Basslines stehe…) ergibt das eine auf den ersten Blick bunte Mischung, die aber Linie und vor allem Ausstrahlung hat. Nicht zuletzt hat Miyagi immer noch diesen Hauch deutschen Indies, den ich nicht fähig zu beschreiben bin, aber immer höre. Er sei ihnen erlaubt!
Unbearbeitetes Bühnenfoto von diskostu
Das sieht ja sehr schön aus.Die Bühne finde ich echt cool, da wird bestimmt ein cooles Party , immer wenn jemand da spielt.Danke für diesen Beitrag.
der verregnete sommer is mir schnurz: micachu machens wieder gut! platte ist einsA!