von Thomas Liesch
Register: Issue, Issue 01, mp3 | |
Kommentieren?
Issue №1 – Vertrau Lo-Fi

Wenden wir uns in unserer ersten Ausgabe doch gleich mal einer Spielart der Musik zu, die streng genommen gar keine sein dürfte. Denn eigentlich kennzeichnet der Begriff Lo-Fi nur die Abwesenheit von Hi-Fi. Doch ähnlich dem Begriff Indie, der ja ursprünglich eher auf die Produktions- & Vertriebsseite der Musik zielte, hat der Begriff ein Eigenleben entwickelt, der für mehr steht als: “wenige Tonspuren, Störgeräusche, schlurige Riffs”. Doch woraus hat sich das Ganze entwickelt, wo steht Low Fidelity aktuell?
An sich gibt es Lo-Fi ja schon immer; zumindest wenn man davon ausgeht, dass Aufnahmen früher selten frei von Störgeräuschen oder von glasklarem Klang waren. Doch mit der Ausbreitung der CD Anfang der 80er Jahre, die mit optischer Abtastung wesentlich sauberer im Klang war als die mechanische Abtastung einer Platte oder der magnetischen einer Kassette. Die Produktion eines Albums wurde ebenfalls professioneller, ein gutes Studio war ebenso angesagt wie moderne Technik und Mischpulte. Zeitschriften und Magazine bezogen in ihre Bewertung die technischen Aspekte der Produktion mit ein, manche wie die Audio oder Nordische Musik machen das noch heute. Und wer audiophil in technischer Hinsicht ist und viel Wert darauf legt, wird damit auch glücklich. Doch jede Bewegung ruft eine Gegenbewegung hervor. Bands fingen wieder an, bewusst auf eine hochprofessionelle Aufnahme zu verzichten und mit ihren Mitteln die Songs auf ein Medium zu bannen. Der Kontrast, die Abgrenzung zum Hi-Fi war da.

Wo steht Lo-Fi heute? Der Begriff bezieht sich inzwischen wohl nur noch in Teilen auf die Aufnahmetechnik, vielmehr bezieht er mehrere Faktoren mit ein, die aus dem technischen Begriff einen Gattungsbegriff gemacht haben. Es geht um die Klangästhetik, es geht um die Attitüde oder die Authentizität, es geht um Nähe und Handgemachtes. Jede Band wird den Begriff für sich anders definieren, der eine wird Lo-Fi als Methode für sich beschreiben, der andere sieht es als Akzent, wieder andere sehen es als Lebensweise. Und natürlich haben viele Bands in ihrer Anfangszeit gar kein Geld und kein Bedürfnis für Hi-Fi; die wollen einfach nur Musik machen, einfach nur spielen… Vielleicht lassen sich auch Verbindungen zum gegenwärtigen DIY-Boom, der Rückkehr der Flohmärkte, des Vintage, des Vinyl ziehen. Doch das führt zu weit. Zielgerichteter wäre vielleicht noch der Verweis auf Projekte die die Black Cab Sessions, die Daytrotter-Sessions oder die Concerts á emporter. Dazu mehr im Artikel zu den legitimen Nachfolgern der John Peel Sessions!
Bands, die in ihrer ganzen Einstellung glatt als Lo-Fi durchgehen, sind beispielsweise HGH, CocoRosie, Beat Happening oder The Moldy Peaches:
HGH aus Norwegen durfte ich einmal als Vorband im Backstage Werk erleben und es war ein Fest für die Sinne und Lachmuskeln. Martin Hagfors und Håkon Gebhardt machen auf der Bühne genau das, worauf sie Lust haben: Tapedeck-Lo-Fi. Sie singen und erzählen Geschichten und Anekdoten, sie spielen ihre Songs von einem wunderbaren Kassettenspieler ab (dessen technischen Bauplan sie im Booklet zu Seb’s Hotel en detail beschreiben und abdrucken – fantastischer Kontrast zur sonstigen Herangehensweise!), sie nehmen die Reaktionen des Publikums auf und verwursten sie in neuen Songs, sie haben selbstgebastelte Instrumente dabei – und bringen am Ende ihre Alben, selbst bedruckten T-Shirts und Taschen mit viel Humor und Überredungskunst (oh ja…) am Merch an Frau und Mann.
Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.
The Moldy Peaches dürften dem ein oder anderen ein Begriff sein. Adam Green und Kimya Dawson brachten 2001 den Anti-Folk auf den Punkt. Man wollte weg vom eingeschlafenen, konservativen Folk der 80er und 90er Jahre, man wollte wieder Songs wie in den 70ern schreiben, allerdings auf Instrumenten, deren Zenit schon etwas zurücklag. Zusammen mit einem im Hintergrund schrillenden Telefon, Vogelgezwitscher, Körpergeräuschen und wirklich völlig verqueren Texten war das eine der Platten, deren Songwritingpotenzial zwischen den zahllosen Witzen und Geschichten fast unterging. Man fühlt sich teils, als würde man mit den beiden auf der Couch flacken, Chips essen und Cartoons schauen. Und wirklich ganz fantastisch ist der zweistimmige Gesang, der
Got the coolest BMX,
I ride it everywhere.
‘Cause nobler to die for truth,
is holy to repair one sin.
Oder wer könnte bei Songtiteln wie “Downloaded Porn With Davo”, “These Burgers” oder “Steak For Chicken” schon widerstehen? Wirklich schade, dass die Band nach The Moldy Peaches nichts wirklich Neues mehr gemacht hat, auch wenn ich mir Unreleased Cutz and live Jamz mal zu Gemüte führen sollte. Am Potential der Texte hat es bei Adam Green ja noch nie gefehlt, die Solosachen gingen mir jedoch nie wirklich rein.

Eine andere Spielart des Lo-Fi sind Band, die schlicht auf das Abmischen der Instrumente verzichten und sich dem Overdrive hingeben. Beispiele dafür sind The Thermals, The Je Ne Sais Quoi oder auch Dinosaur Jr.
Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.
The Thermals – Here’s Your Future
The Je Ne Sais Quoi erwischten mich 2005 mit voller Wucht. Ich war gerade mit The Von Bondies, The Vines und Konsorten eh total auf dem schnellen Gitarren-Trip und dann kam da diese wunderbar durchsichtige, türkisfarbene LP namens “We Make Beginnings” daher. Zwar könnte man die Aufnahme selbst sowie die Instrumente als Nicht-Lo-Fi ansehen, doch der Overdrive bricht sich doch immer Bahn. Es hat immer noch den Duft einer Produktion in einer Garage – nicht von ungefähr könnte man zahlreiche “Garage-Rock”-Bands als Lo-Fi ansehen – es verströmt den Charme des ehrlichen Rocks aus der Wohnung über dir. Mehr mp3s gibt’s bei Subpop.
Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.
The Je Ne Sais Quoi – We Make Beginnings

Und wieder andere Bands kokettieren nur mit Elementen des Lo-Fi, man mag sich einen Hauch des Handgemachten, der Authentizität wahren. Gerne baut man das Knistern des Vinyl bereits in die Aufnahme mit ein, damit der gemeine digitale Hörer auch etwas hat, an dem er sich im Winter wärmen kann. Klassisches Beispiel hierfür wären The White Stripes, aber auch Bands wie Pop Levi (man denke nur an das Ploppen der Bierflasche aus “(A Style Called) Cryin’ Chic”) oder The Bishops, die sich mit Instrumenten, Mikrofonen und Mischpulten aus den 60ern in einem professionellen Studio verschanzten, um einen Sound wie vor 50 Jahren zu machen, der dann im Nachhinein zusätzlich mit “Effekten” versehen wurde. Versteht mich nicht falsch, das klingt fantastisch und ist auch in sich stimmig. Aber ist es auch wirklich authentisch?
Wie man das richtig machen könnte, zeigt die aktuelle wilde Riege der Lo-Fier um Wavves, dem ich meine aktuelle Konzertempfehlung widme, Tyvek oder Times New Viking. Uli freut sich über Black Tambourine und The Vaselines
Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.
Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.
Black Tambourine – Throw Aggi Off The Bridge
Gerade Times New Viking sind eigentlich der Lo-Fi-Hot-Shit des letzten Jahres gewesen. Sehr punkige Rockschrammelsongs, die zwischen den Sex Pistols und den Moldy Peaches mäandern. Ein Sound voller Energie und Kindlichkeit zugleich, nicht ganz so lärmig wie Wavves, aber mit mindestens genauso eingängigen Melodien, versteckt dem vermeintlichen Klangmatsch. Und natürlich machen Times New Viking nicht gerade Musik, die so noch nie dagewesen wäre; aber sie macht Laune, sie hat Charakter und Charme. Und mehr braucht gute Musik manchmal nicht. Schon gar kein Lo-Fi.
Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.
Was haben wir nun alles erfahren? Lo-Fi ist inzwischen ein schwammiger Begriff, der ähnlich wie “Indie” für alles mögliche benutzt wird. Es gibt eine ganze Reihe von Spielarten innerhalb des Un-Genres Lo-Fi, die jeweils prägende Vertreter haben. Und im Endeffekt wird es immer Bands geben, die keine Lust oder kein Geld dafür haben, sich professionelle Aufnahmen in der Weise zu leisten, dass der Klang kristallklar und dutzendfach abgemischt ist. Somit wird es immer Low Fidelity geben. Und wenn das ganze dann und wann mal wieder als Mode deklariert wird, sollte man das nicht zu ernst nehmen. Sondern der noch nicht rundgeschliffenen Rauheit des Lo-Fi vertrauen. Denn die wollen einfach nur spielen…




